Karin Grimm, aufgewachsen im Aargau, hat am Graduate Institute in Genf internationale Beziehungen studiert, welche sie dann mit Entwicklungsstudien komplementiert hat. Durch ihr Studium und ein Praktikum in der Entwicklungszusammenarbeit in Bangladesch, hat sie ihr Interesse an der internationalen Zusammenarbeit im Kontext von Frieden und Sicherheit entdeckt. Noch während dem Studium hat Karin beim Geneva Centre for Security Sector Governance (DCAF) im Bereich der Reformierung und der demokratischen Gouvernanz des Sicherheitssektors begonnen zu arbeiten. 2009 hat sie in Westafrika den Aufbau der ersten Projekte des DCAFs bezüglich Gender und Sicherheit in den französisch-sprachigen Ländern initiiert; in einer Zeit, in der man gerade begann Genderfragen im Sicherheitssektor zu berücksichtigen. 2015 wurde sie Beraterin für UN Women in Myanmar im Bereich «Frauen, Frieden und Sicherheit» bevor sie sich dem Expertenpool für zivile Friedensförderung des EDAs angeschlossen hat, der sie zur Unterstützung des UNO-Länderteams nach Mali entsandte, wo sie sich gegen geschlechterspezifische Gewalt engagiert hat. Im Jahre 2018 wechselte sie dann zu UN Women und seither arbeitet sie in ihrer Kernkompetenz «Frauen, Frieden und Sicherheit» in Mali.

Um das 75. Jubiläum der UNO zu feiern, hat die GSUN eine Artikelserie über die Schweizer Stimmen des Multilateralismus gemeinsam mit foraus und cinfo lanciert. Durch Interviews, die von jungen Autor*innen geführt werden, will CH-UNO-Faces Schweizer*innen, die im Kontakt mit der UNO-Welt stehen, eine Stimme geben.

Karin Grimm, in deiner Karriere im Bereich des Multilateralismus hast du schon sicher viel erlebt. Was war dein eindrücklichstes Erlebnis?
Ich durfte sehr viele eindrückliche Momente erleben. Für mich waren es jedoch weniger spezifischen Erlebnisse, die mich beeindruckt haben, sondern viel mehr die Menschen, die ich im Rahmen meiner Arbeit kennengelernt habe und mit denen ich zusammenarbeiten durfte. Einen bleibenden Eindruck haben all die Frauen und Friedensaktivist*innen zum Beispiel in Westafrika hinterlassen, die sich unter schwierigsten Bedingungen und mit begrenzten Mitteln für den Frieden eingesetzt haben und die inmitten grausamer Kämpfe für den Frieden und den Schutz der Zivilbevölkerung plädiert haben. Diese women leaders haben sich gegen gesellschaftliche Stereotypen und Vorurteile durchgesetzt, denn die Domäne von Frieden und Sicherheit ist immer noch von Männern dominiert und Frauen sind da nicht immer willkommen. Sie legen unheimlich viel Energie und Durchhaltewillen an den Tag und setzen sich unbeirrt für Frieden und für Frauenrechte ein.

«Die Stärkung der Frau ist ein transversales Anliegen und spielt eine grundlegende Rolle in der Realisierung der nachhaltigen Entwicklungsziele.»

Du arbeitest für UN Women. Was macht diese UN-Organisation denn genau und was ist deine Aufgabe in Mali?
UN Women ist eine der jüngsten UN-Organisationen und wurde 2010 gegründet. Sie setzt sich für die Gleichstellung der Geschlechter und für die Stärkung der Frau ein, indem sie weltweit die Umsetzung von internationalen Normen unterstützt, ihre Einhaltung überwacht und bestehende Ungleichheiten bekämpft. Die Stärkung der Frau ist ein transversales Anliegen und spielt eine grundlegende Rolle in der Realisierung der nachhaltigen Entwicklungsziele.

Meine Aufgabe in Mali ist die Umsetzung der internationalen Agenda für Frauen, Frieden und Sicherheit zu unterstützen, die ihren Ursprung in der Resolution 1325 vom UN-Sicherheitsrat findet. Diese Agenda beinhaltet die Teilnahme von Frauen auf allen Ebenen im Friedensprozess, da sie untervertreten sind und ihre Bedürfnisse mehr berücksichtigt werden sollten. Dazu arbeite ich für die Teilnahme der Frauen in der Prävention und der friedlichen Bewältigung von Konflikten, die oftmals im Zusammenhang mit dem Zugang und der Nutzung von natürlichen Ressourcen stehen. Frauen sollen sich aktiver in die lokalen Entscheidungsprozesse einbringen können. Der dritte Teil meiner Arbeit ist der Schutz von Frauen und Mädchen vor geschlechterspezifische Gewalt insbesondere in Situationen von bewaffneten Konflikten und Naturkatastrophen. Wir versuchen den Schutz der Frauen zu stärken und den Betroffenen mit medizinischer, juristischer, wirtschaftlicher und psychologischer Unterstützung zu helfen. Schlussendlich fördern wir die Teilnahme der Frauen am Wiederaufbau, damit ihren Bedürfnissen Rechnung getragen und die wirtschaftliche Position der Frau gestärkt wird. Es ist eine transversale Arbeit, die eine intensive Zusammenarbeit mit anderen UN-Organisationen, der internationalen Gemeinschaft, nationalen Stellen und der Zivilgesellschaft voraussetzt.

Inwiefern betrifft die Arbeit von UN Women die Schweiz und was hat die Schweizer Bevölkerung von deinem Engagement hier in Afrika?
Wir befinden uns in einer globalisierten Welt und was in einem Teil dieser Welt passiert hat zunehmend auch eine direkte oder indirekte Auswirkung auf die Schweiz, sei es im positiven wie auch im negativen Sinne. Bewaffnete Konflikte, Armut, Klimaveränderungen, humanitäre Katastrophen und auch Krankheiten kennen keine Staatsgrenzen und bedrohen daher alle Staaten und ihre Bevölkerungen. Die Problematik der Geschlechtergleichstellung und der Stärkung der Frau ist auch eine solche globale Herausforderung. Die Schweiz hat gemeinsam mit den anderen Staaten der Welt die nachhaltigen Entwicklungsziele ausgearbeitet und verabschiedet, um solche globalen Themen angehen zu können. Wenn es in dieser globalisierten Welt den Anderen gut geht, geht es auch der Schweiz besser. Genauso wie kein Land globale Probleme alleine lösen kann, kann es auch nicht nur ein Teil der Bevölkerung. Obwohl Frauen ungefähr 50% der Bevölkerung repräsentieren, haben sie vielfach nicht die gleichen Chancen, um in Entscheidungsprozessen teilnehmen zu können, was ein Problem bei der Friedensfindung und dem Erreichen der Entwicklungsziele ist. Daher ist die Arbeit von UN Women überall auf der Welt sehr wichtig. Die Schweiz unterstützt UN Women weltweit, und hier in Mali auch ganz spezifisch in der Umsetzung der Agenda «Frauen, Frieden und Sicherheit». Mein Engagement hier ist ein kleiner Beitrag für die Geschlechtergleichstellung und das Erreichen der nachhaltigen Entwicklungsziele, wovon schlussendlich auch die Schweizer Bevölkerung profitiert.

Was ist deiner Meinung nach DIE Herausforderung der die UNO sich in den kommenden Jahren stellen muss?
Die UNO musste sich seit ihrer Gründung immer wieder auf neue geopolitische Situationen einstellen und hat sich kontinuierlich weiterentwickelt. Die Herausforderungen der Welt sind zunehmend von globaler Natur, die von einem Staat alleine nicht gelöst werden können. Die UNO befindet sich in einem wichtigen Reformprozess, aus dem sie hoffentlich gestärkt herauskommen wird, damit sie ihre einzigartige Stellung auch weiterhin für die Lösungsfindung globaler, aber auch lokaler Probleme einsetzen kann. In diesem Sinne ist diese konstante Anpassung, die Fähigkeit immer wieder als einzigartiges, multilaterales Forum an der Lösung globaler Probleme mitzuwirken, die grosse Herausforderung der UNO.

«Einen bleibenden Eindruck haben all die Frauen und Friedensaktivistinnen zum Beispiel in Westafrika hinterlassen, die sich unter schwierigsten Bedingungen und mit begrenzten Mitteln für den Frieden eingesetzt haben und die inmitten grausamer Kämpfe für den Frieden und den Schutz der Zivilbevölkerung plädiert haben.»

Und zum Schluss: Was würdest du jungen Schweizer*innen mit auf den Weg geben, die sich für eine Karriere in der UNO interessieren?
Als erstes muss man Gelegenheiten identifizieren, wie z. B. das UN-Freiwilligenprogramm oder das Junior Professional Officer Programme der Schweiz, und es dann einfach wagen. Ich empfehle aber auch zuerst praktische Erfahrungen ausserhalb der UNO zu erwerben, z. B. in NGOs oder anderen Organisationen, und ein Engagement bei der UNO als Ziel beibehalten. Schweizer*innen können einen wichtigen Beitrag in der UNO leisten und sollten daher nicht aufgeben, falls es nicht im ersten Anlauf klappt. Es gibt nicht nur einen Karriereweg; ich z. B. bin erst sehr spät zu der UNO gestossen und konnte dadurch sehr viel neues Wissen in die UNO bringen.

Wenn man es dann mal geschafft hat, dann sollte man sich treu bleiben, die Bodenhaftigkeit und vor allem Menschlichkeit nicht verlieren, pragmatisch bleiben und das Ziel und die Werte immer vor den Augen behalten.

Interessierst du dich für eine Karriere in der Internationalen Zusammenarbeit? cinfo kann dich unterstützen.

Lukas Plattner hat internationale Beziehungen mit Schwerpunkt in der internationalen Politik an der Universität Genf studiert. Momentan absolviert er ein Praktikum beim Eidgenössischen Departement für Auswärtige Angelegenheiten. Seine Interessen sind die Schweizer Aussenpolitik, die internationale Wirtschaftskooperation und die europäische Integration.

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